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Brienzergrat. Hardergrat: Brünig bis Interlaken

 

Fotos: Loic, Christian, Ruedi, Nico, Dani

 

 

 

Harry berichtet vom Grat aller Grate:

 

John Maynard Keynes, ein bedeutender britischer Ökonom, hatte bereits 1923 festgestellt: „In the long run we are all dead“. Frei übersetzt heisst das soviel wie: „Die langen Läufe machen dich total fertig“, und genau deshalb versuche ich diese im Normalfall zu vermeiden. Aus unerklärlichen Gründen lasse ich mich eines Tages dennoch von einem Laufkollegen anspornen, den Hardergrat in Angriff zu nehmen. Dieser gehört für mich eigentlich zur Gattung der ganz langen Dinger, bei denen mir sofort unattraktive Stichwörter wie „speed-hiking“, „power-walking“ oder „Fettverbrennung“ in den Sinn kommen. 

 

Da es sich beim erwähnten Laufkollegen um eine ziemliche Rakete handelt, gibt es für mich nur einen Ausweg. Ich muss eine kleine Gruppe von Läufern zusammenstellen, denn in Gruppen läuft es sich normalerweise viel entspannter. Es werden Spässe, Fotos und Pausen gemacht und das Tempo wird an den Schwächsten angepasst. Ich konnte zu dem Zeitpunkt ja nicht davon ausgehen, dass genau ich dieser Schwächste sein werde :)

 

Es gelingt - wir haben eine Team von 6 bunt zusammengewürfelten Läufern aus der Schweiz, Frankreich und Österreich. Am Abend vor dem Start wird es nochmal spannend, als unser französischer Freund wissen will, ob wir den Grat eigentlich von West nach Ost oder von Ost nach West laufen. Ich denke mir nur „Auch im Osten trägt man Westen“. Und genau diese haben wir denn an diesem windigen und kalten Novembertag fast den ganzen Tag über getragen. 

 

Im ersten steilen Anstieg wird angeregt diskutiert über Trainingsumfang und gelaufene Marathon-Bestzeiten. Zuerst denke ich mir: „Verdammt, warum gehen die alle praktisch jeden Tag rennen - das macht doch keinen Sinn.“ Als ich dann mit deren Marathon-Bestzeiten konfrontiert werde, wird mir schnell klar - hier weht ein anderer Wind, das ist heute nämlich die Sturmtruppe. 

 

Der krasseste in unserer Sturmtruppe ist sicherlich Ruedi. Auf „power-walking“ oder „Fettverbrennung“ hat er bei dieser Tour einfach keinen Bock. Also rennt er durchgehend den gesamten Brienzer- und Hardergrat vom Brünig-Pass bis nach Interlaken. Das ist wahrlich eine gewaltige Leistung!

 

Auch sehr wild ist Loic unterwegs. Zu Beginn unserer Tour stecken ihm noch die Churfirsten Seven Summits in den Beinen, die er zwei Tage zuvor gelaufen ist. Also sehe ich in ihm einen möglichen Backstop - falls ich mich aufgrund der Länge der Tour etwas zurückfallen lassen muss, könnte ich mich bei ihm dranhängen. Falsch gedacht, denn nach etwa 30 km hat sich Loic erst richtig warm gelaufen und geht ab wie die Post. 

 

Trotz diverser Foto-Sessions kommt unsere Gruppe super voran und wir erreichen bereits nach 7h 20min (inkl. Pausen) den Bahnhof in Interlaken. Am Ende des Tages sind für mich zwei Dinge klar: 1) das war die stärkste Laufgruppe, mit der ich je in den Bergen unterwegs war und 2) Keynes hatte sowas von recht.

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Kommentare: 4
  • #1

    Linus (Dienstag, 20 November 2018 17:21)

    Ganz tolle Bilder - nur noch übertrumpft vom Begleittext!

  • #2

    Ruedi (Dienstag, 20 November 2018)

    Nächstes Jahr können wir dann das Projekt komplettieren und die Westen wieder nach Osten tragen... :))

  • #3

    Chris Pfanzelt (Donnerstag, 22 November 2018 18:25)

    Toller Text Harry, viel zu kurz, dem Grat unangemessen zu kurz. Ich finde das sollte in einem besseren Verhältnis stehen...:-). Ich hätte gerne mehr gelesen. Aber vielleicht kann Dich Patricia überreden mal wieder die Tastatur zu schwingen.....?

  • #4

    Rita (Dienstag, 28 Mai 2019 11:33)

    Tour der Superlative, tolle Bilder, super Text!! Wie ist das mit der Schlüsselstelle am Tannhorn? Ist die gut zu meisern?