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Skyrun Signalkuppe Monte Rosa

Erlebnisbericht von Hari, Fotos von Tim

 

Ursprünglich stand der Mont Blanc auf meiner Liste, doch aufgrund des vorherrschenden Regulierungswahnes (z.B. Vorschriften betreffend Ausrüstung und verpflichtende Hüttenreservierung) wurde die Normalroute im Skyrunning-Stil für mich uninteressant. Aber zum Glück gibt es auch andere Berge und die Signalkuppe im Monte Rosa Massiv ist nur einer davon.

 

Meine grundsätzliche Motivation ist es, sofern aus technischer Sicht möglich (d.h. keine komplexeren Kletterstellen oder steileren Klettersteige), eine Route am Berg komplett (d.h. hoch und runter) zu rennen. Während beispielsweise am Matterhorn oberhalb der Hörnlihütte von rennen auf klettern umgestellt werden muss, gibt es technisch «laufbare» Berge wie etwa das Bishorn oder eben die nun anvisierte Signalkuppe. 

 

Mein konkreter Plan ist denkbar einfach: Hauptbedingung ist, die gesamte Route zu rennen und Nebenbedingung ist es, das Risiko auf ein vertretbares Mass zu reduzieren. Da ich zum ersten Mal in der Region bin, inspizieren wir am Vortag als reguläre Seilschaft lehrbuchkonform die Gletscherpassagen und ich komme zum Schluss, dass das Spaltensturzrisiko nach einer kalten Nacht für mich vertretbar gering ist. Da etwa die Hälfte der Route über vergletschertes Gelände führt und der Abdruckpunkt im Schnee üblicherweise schwammiger ist, entscheide ich mich zudem für die Verwendung von Stöcken – also quasi Allradantrieb. Da ich den unteren Teil der Route, vom Tal bis zur Hütte, jedoch noch nicht kenne, kommen mir in der Nacht Zweifel, ob dieser Teil gut laufbar ist. 

 

Am nächsten Tag starte ich vom Hotel Nordend in Staffal (1823m) nach glasklarer Nacht und bei eisigem Wind. Bis zum Colle Salza (2882m) ist der Wanderweg steil, aber einigermassen laufbar. Von da an geht es bis zum Beginn des Gletscheranstieges grösstenteils durch Blockgelände, das richtig anspruchsvoll zu laufen ist. Auf Höhe der Gnifetti Hütte empfängt mich Tim mit Wasser und lautstarken Anfeuerungsrufen. Sobald ich Tim das erste Mal höre, erhöhe ich intuitiv mein Tempo und obwohl ich nur ein ganz normaler Hobbyläufer bin, darf ich heute eine solch professionelle Betreuung geniessen.

 

Nach dem Wechsel auf Steigeisen, Stöcke und winddichte Kleidung, umlaufe ich die Gnifetti Hütte östlich über einen pickelharten Firn-/Eishang. Ich höre immer noch Tims Stimme und gebe fast zu viel Gas. Vom Colle del Lys (4248m) geht es leicht bergab und die Beine können sich zum Glück wieder ein wenig regenerieren. Die letzten 300hm fallen mir am schwersten. Obwohl das Gelände aus technischer Sicht wenig anspruchsvoll ist, haben wir hier alle mit der Höhe zu kämpfen. Der klassische Bergsteiger hat den Nachteil der viel schwereren Ausrüstung und zudem ist er deutlich länger höhenexponiert. Ich mache mir das Leben hingegen mit meiner Stilvorgabe schwer, da ich unter keinen Umständen von Rennen auf Speedhiking wechseln möchte. Insbesondere in diesem Abschnitt bin ich froh um aufmunternde Zurufe anderer Bergsteiger – besonderer Dank geht an eine stimmungsmachende Seilschaft aus Osteuropa und an die zahlreichen italienischen Bergführer, die mit ihren Gruppen extra für mich die ausgetretene Spur freigeben. Kurz unter der Signalkuppe hockt ein völlig erschöpfter Bergsteiger im Schnee. Ich stoppe kurz und biete ihm meine letzten Energieriegel und Wasser an. Trotzt der hohen Frequenz ist auf diesem Berg der Zusammenhalt und Respekt gegenüber anderen noch zu spüren und das ist aus meiner Sicht viel bedeutender als irgendwelche Regulierungen.

 

Als ich auf dem Gipfel der Signalkuppe ankomme, kann ich zuerst gar nicht realisieren, dass ich es geschafft habe. Ich würde jetzt gern gemeinsam mit Ruedi hier oben stehen, aber das holen wir definitiv an geeigneter Stelle nach. Nach dem obligatorischen Gipfelfoto renne ich mit dem Pickel in der Hand gleich wieder den eisigen Gipfelhang hinunter, denn ich wollte meine Freude so schnell wie möglich mit Tim teilen – nein, nicht via Social Media sondern richtig «old school» erzählen wollte ich ihm das. Das Endorphin sorgt dafür, dass sich kurioserweise meine Beine fast wieder frisch fühlen. Im Abstieg renne ich in Riesenschritten grossteils ausserhalb der Aufstiegsspur. Das ist vor allem im trockenen Pulverschnee sowie weicheren Firn sehr effizient und macht gleichzeitig die Spur für aufsteigende Bergsteiger frei. Bei der Traverse zurück zum Colle del Lys höre ich aus der Ferne plötzlich wieder Tims Rufe (er ist zuvor noch weiter aufgestiegen und wollte mich hier beim Abstieg überraschen). Tempo und Puls gehen nochmal hoch und wir fallen uns in die Arme. Die Stimmung war gewaltig. Nach kurzer Trinkpause renne ich mehr oder weniger in einem Push ins Tal. Am Hotel Nordend angekommen fragt der Rezeptionist, der nichts von der Aktion wusste: «Finished for the day?». Ich antworte nur: «Project finished!». Leider bin ich nun doch zu erschöpft, um den tadellosen Wellnessbereich in Anspruch zu nehmen …

 

 

Herzlichen Dank an meinen Supporter Tim und an alle anderen Bergsteiger, die mich an diesem Tag unterstützt haben!

 

Facts:

Route: Staffal (1823m) bei Gressoney-La-Trinité - Signalkuppe (4554m) und retour

Höhendifferenz: 2800hm

Style: 100% running

Zeit (total inkl. Pausen): 4h20m bis Gipfel, 6h39m hin und retour

Material: sollte für jeden klar sein, der in diesem Stil unterwegs ist

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruedi (Samstag, 17 August 2019 16:41)

    Bäääm! � Geiles ding, Harry! Und wie schmeckt er, der Cappucio in der Cap.Margherita? �