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Inners und Üssers Barrhorn - von St. Niklaus ins Turtmanntal

Als höchster Wander-3000er im Alpenraum zählt das Barrhorn nicht nur in Wanderkreisen zu den attraktiven Zielen. Auch uns Trailrunnern gefällt die Möglichkeit auf markierten Wegen dünne Höhenluft schnuppern zu dürfen. Und in der Tat, am Barrhorn oben ist die Luft verdammt dünn! Umgeben von Alpinriesen wie dem majestätischen Weisshorn oder dem Dom und Täschhorn gerät das Atmen ins Stocken. Eine gewaltige Bergkulisse eröffnet sich dem Barrhorn-Besteiger, ob Trailrunner oder Wanderer, für alle bleibt dort oben in der Mondlandschaft des Barrhorns die Zeit und der Atem für einen Moment stehen.

 

Wir treffen uns also am Morgen in St. Niklaus im Mattertal, wo der naturbelassene und wilde Wanderweg steil hinauf zur Topalihütte führt. Mit "running" hat das für die allermeisten nicht mehr viel zu tun, aber Trailrunning muss ja nicht zwangsläufig "running" bedeuten. Die Leichtigkeit des Seins, mit leichtem Gepäck und flotter Ausrüstung, sowie guter Stimmung im Schlepptau. Es gibt viele Definitionen vom Trailrunning, einer Sportart, die sich nicht so recht abgrenzen lässt. Uns kümmert das an diesem strahlend blauen Morgen reichlich wenig, unser Ziel für heute: Inners und Üssers Barrhorn.

 

Weit ab vom Trubel hinten im Mattertal rund um Zermatt, präsentiert sich uns der Anstieg über die Topalihütte und das Schöllijoch (entschärft mit einem leichten Klettersteig mit Leitern, Tauen und Trittbügeln) in völliger Ruhe und Einsamkeit. Wer diese Abgeschiedenheit sucht, dem sei der Anstieg von dieser Seite wärmstens empfohlen. Stöcke leisten gute Dienste, über weite Strecken verläuft der Anstieg steil, kleine Bäche wollen übersprungen werden und auch zum Schluss hin in den Schneeresten läuft es sich besser mit Allradunterstützung. Unsere Crew ist gut unterwegs, es wird geschnattert und gewitzelt, dabei verpassen wir gleich mal eine Abzweigung. Dass wir noch öfters an diesem Tage lieber der Nase nach als "on Track" unterwegs sein werden, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Hari hat die Route gut geplant, den GPS-Track auf die Uhr geladen, doch bereits beim ersten Abzweiger hinter St. Niklaus entscheiden wir uns spontan für den etwas längeren Hüttenanstieg, als der Route auf der Uhr zu folgen. Auch das gehört zum Trailrunning dazu, sich treiben lassen, ins Unbekannte aufbrechen. Es muss nicht immer minutiös bis ins kleinste Detail alles geplant sein.

 

Unserer Gruppen-Spontanität lassen wir am Schöllijoch ein weiteres Mal freien Lauf. Als wir den Übergang betreten, steht für jeden von uns auch unausgesprochen fest: wir rennen heut auf der anderen Seite ins Tal hinab. Das schaut einfach zu geil aus! Über die Turtmannhütte ins Turtmanntal nach Gruben. Ein kurzer Blick auf die SBB-App zeigt, es wird kompliziert zum heimkommen, ach egal. Darum kümmern wir uns später.

 

Beim Schöllijoch stecken uns mittlerweile unzählige Höhenmeter in den Beinen. Und die frische Bise verrät, dass wir dünne Höhenluft erreicht haben. Die beeindruckende Landschaft zu den beiden Barrhörnern hinauf erinnert an eine Steinwüste. Und doch kontrastiert diese so hervorragend mit dem Gletscherweiss von Weisshorn und Bishorn, dem tiefblauen Himmel und den Grau-Beige- und Brauntönen der Mondlandschaft. Zwei Schritte vor, einer zurück, Doppelatmung, Oberschenkel brennen, Waden nicht weniger. Die letzten Anstiegsmeter vom Schöllijoch zu den beiden Hörnern, die mehr Hügeln als Hörnern gleichen, zumindest von der Turtmannseite her, haben es in sich.

 

In diesem Moment bewundere ich Eric, der gestern noch am Rheinquelltrail teilgenommen und damit dieses Wochenende fast 6000 Höhenmeter in den Beinen stecken hat, ein zäher Typ, dabei kommt er aus dem Flachland! Hari kämpft nicht weniger mit den letzten Metern zum Gipfel, seine Mission: alles zu rennen, was rennbar ist. Und wir restlichen Vier? Nunja, eine gesunde Mischung aus dem "das-schaff-ich-jetzt-auch-noch-Blick" und "boahhh-das-zieht-sich-Gesicht". Umso grösser die Freude, als wir auch den zweiten der Barrhörner, das um 27 Meter höhere Üssere Barrhorn mit Gipfelkreuz erreichen.

 

Fotosession, letzte Riegel mampfen, Aussicht geniessen. Dann schiessen wir die Schotterpiste Richtung Turtmanntal hinab. Rösti mit Ei rufen. Eric wird anscheinend besonders laut von der deftigen Rösti gerufen. Die 6000Hm in seinen Beinen sind im Nu verschwunden, ungehalten schluckt er Downhillmeter um Downhillmeter. Die Berggemsen können mit seinem Tempo kaum mithalten. Johan muss hingegen mit Krämpfen kämpfen, zum Glück ist die Turtmannhütte und damit der Refill nicht mehr weit. 

 

Und wir alle haben diesen bitter nötig! Da wandern locker 3l Cola über den Tisch, ein weiterer Liter Tee, Suure Moscht und Bier fliesst in Strömen. Dazu diese köstlich-salzige Rösti mit Ei. Ausgelassene Gesichter, volle Mägen und ein Strahlen in den Augen. Das ist unsere Crew an diesem fantastischen Sonntag: homogen und einfach gut aufgelegt. Die Mischung machts.

 

Der Rückweg ins Tal ein Kinderspiel. Ok, die Kuhherde vielleicht ausgenommen. Und das mit dem bereits eingangs erwähnten etwas komplizierterem nach Hause kommen. Internetempfang im Talgrund? Fehlanzeige. Zum Glück hatten wir unterwegs schon mal die SBB-App geladen, ein einziger Bus um 17:20Uhr, das war uns in Erinnerung geblieben. Zeit also zum Regenerieren am eiskalten Bach. Und dann ging es irgendwie doch ganz schnell. Matthias stoppt das erstbeste Auto. Drei von uns springen hinein. Rückstau. Hari und ich springen in das übernächste Auto. Die kurvenreiche Fahrt nach Gampel hinunter zum Bahnhof beginnt. Wir hatten Glück, die vorderen Drei sitzen im Wagen von der Ehefrau von unserem einheimischen Fahrer. Wir erfahren viel über die Region, plaudern über Gott und die Welt und werden allesamt am Bahnhof in Gampel abgesetzt. Taxiservice. Sehr zuvorkommend, besten Dank an dieser Stelle nochmals!

 

Wir zählen durch, 1, 2, 3, 4, 5. Fünf. Ähhh, nochmals. 2 + 3 = klar, 5. Waren wir nicht zu 6? Schei....be. WO IST ERIC?!?

 

Die Auflösung. Um es vorweg zu nehmen. Nein, Eric ist nicht nochmals über das Barrhorn zurück nach St. Niklaus. Eric gönnte sich noch eine Erfrischung an unserem Warteplatz bei der Bushaltestelle. Das hatten wir allesamt nicht gecheckt. Wohl noch zu wenig Sauerstoff im Hirn...uppps.

 

DANKE an die Crew, es war grossartig mit euch!

Patricia unterwegs mit Michael, Matthias, Johan, Eric und Hari.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Norbert (Montag, 13 Juli 2020 15:24)

    Sehr gerne wäre ich auch mit euch gekommen. Die Bilder sprechen schon fast alleine für sich. Freue mich auf das nächste Wiedersehen.